Interview mit AfD-Abgeordnetem Boehringer: „Jetzt regulierungswütig zu werden, halte ich für verfehlt“

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Peter Boehringer von der AfD spricht über Bitcoin, Regulierungen und Co. | © YouTube-Kanal: MdB Peter Boehringer
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Der Coin Kurier hat ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages Peter Boehringer von der AfD geführt. Herr Boehringer ist Geldtheoretiker und Autor des Buches „Holt unser Gold heim“. Mit Bitcoin ist er bereits kurz nach seiner Gründung in Berührung gekommen und verfolgt seit dem den Aufstieg des digitalen Geldes. Was ihn am Bitcoin fasziniert und wie der Staat mit ihm umgehen sollte, diskutiert Boehringer im Interview mit dem Coin Kurier.

Coin Kurier: Herr Boehringer, auf Ihrer Webseite ist noch ein Artikel aus dem Jahre 2013 zu finden, wo Sie die Philosophie und Praktikabilität des Bitcoins abwägen. Seit wann ist Ihnen Bitcoin ein Begriff?

Peter Boehringer: Ich bin seit vielen Jahren von Geldtheorie fasziniert und in diesem Zusammenhang auch schon recht früh auf den Bitcoin aufmerksam geworden. Das erste Mal bin ich glaube ich 2010 oder 2011 darauf gestoßen. In den Folgejahren habe ich mich dann als gelernter Informatiker eingehender mit der Technologie auseinander gesetzt. Leider finde ich berufsbedingt gerade nicht mehr viel Zeit mich tiefgehender mit den Neuerungen der Technik zu befassen.

Coin Kurier: Sie sind ein offener Eurokritiker und haben dem Thema sogar ein Buch gewidmet. Woran krankt das Geldsystem und kann Bitcoin da Abhilfe schaffen?

Peter Boehringer: Das Kapitalverbrechen wurde vor 45 Jahren begangen, als die Deckung des Papiergelds durch die amerikanischen Notenbanken aufgehoben wurde. Es gab in der Folgezeit immer wieder Versuche regional gedeckte Alternativwährungen in Umlauf zu bringen, die aber alle ausnahmslos gescheitert sind. Eine Währung sollte zweierlei erfüllen, sie sollte Transaktionsmittel sein, aber auch als Wertspeicher taugen. Ungedecktes Geld war in der gesamten Währungsgeschichte immer zum Scheitern verurteilt. Deshalb bin ich ein Freund und Anhänger des gedeckten Geldes. Ob der Bitcoin da nun Abhilfe schaffen kann, muss von zwei Standpunkten betrachtet werden. Von dem moralisch-ethischen auf der einen Seite und dem praktischen auf der anderen Seite. Moralisch-ethisch bin ich Hayekianer, glaube also, dass Geldmittel genauso wie auch Unternehmen konkurrieren müssen. Der Staat sollte hier kein Monopol haben, jeder Bürger sollte Geld emittieren dürfen. Das beste wird sich durchsetzen. Praktisch gesehen ist die Fluktuationsbreite des Bitcoins aktuell noch zu hoch um als Währung zu taugen. Ob die Marktkapitalisierung der Digitalwährung steigt und damit für mehr Preisstabilität sorgt, wird sich zeigen.

Coin Kurier: Nun hat der Bitcoin in den vergangenen Jahren beispiellos an Beliebtheit und damit auch Marktkapitalisierung hinzugewonnen. Ist das ihrem Ermessen zufolge Kennzeichen seines Potenzials oder worauf führen Sie das zurück?

Peter Boehringer: Einer der Hauptgründe hinter der steigenden Nachfrage des Bitcoins ist die Umgehung von chinesischen Kapitalverkehrskontrollen. Es ist unglaublich schwierig für die Chinesen ihr Kapital außer Landes zu schaffen. Diese Kontrollen konnten mithilfe des Bitcoins hunderttausendfach umgangen werden. Auch aus anderen Ländern fließt Kapital in Bitcoin, aber China war hier gerade im Hinblick auf die Adaption ein sehr entscheidender Treiber um das Vermögen aus den kommunistischen Regimen heraus zu schleusen. Ich halte das für eine gute Entwicklung und keineswegs für unethisch. Die Freiheit schaufelt sich immer ihre Bahnen. Die Regulierer der Welt sehen das natürlich gar nicht gerne. Und genau darin liegt die Gefahr. Denn so sehr wir Bitcoin-Befürworter uns das auch manchmal einreden – man kann den Bitcoin verbieten, zumindest indirekt. Die Regulierer müssen nur den Zugang zu Exchanges verbieten und der überwältigende Großteil der Nutzer verliert das Interesse an ihm.

Coin Kurier: In einem Gespräch mit Frank Schäffler von der FDP hat der Coin Kurier gestern exklusiv erfahren, dass seine Partei nach der Sommerpause eine Blockchain-Initiative plant, die unter anderem darauf abzielt, dass bei der BaFin mehr Rechtssicherheit zum Thema Blockchain herrscht. Hat die AfD ähnliche Pläne?

Peter Boehringer: Ich kenne Frank Schäffler recht gut und habe ihn bei seiner Anti-Euro-Kampagne lange unterstützt. Ich habe Ihr Interview in Vorbereitung auf das Gespräch gelesen und war ehrlich gesagt überrascht über die vorgestellten Positionen von seiner Seite. Herr Schäffler und ich kommen beide aus der libertären Szene, weshalb mich sein Ruf nach mehr Regulierungen verwundert hat. Die Bestrebung sollte nach meinem Dafürhalten sein, die BaFin weitestgehend raus zu halten. Das Beste, was der deutsche Staat überhaupt tun kann, ist sich eben überhaupt erst gar nicht einzumischen.

Coin Kurier: Der Markt wurde 2017 mit zahlreichen Betrügern überschwemmt, die mithilfe von Fake-ICOs Millionen von Dollars unbescholtener Investoren ergaunert haben. Finden Sie nicht, dass der Staat da eine Verantwortung hat einzuschreiten?

Peter Boehringer: Was diese Entwicklung anbelangt, bin ich knallhart. Ich bin liberal, ja, geradezu libertär und finde, dass der freie Markt das zu regeln hat. Wir als Politiker haben uns da gefälligst rauszuhalten. Der Bitcoin selbst ist im Wilden Westen der Finanzwelt geschaffen worden. Man kann doch als Verfechter des Bitcoins nicht die Regeln in Frage stellen, die den Bitcoin überhaupt erst hervorgebracht haben. Man hätte schon im Jahre 2009 sagen können: Dieser Bitcoin ist ein Betrugsvehikel, wir müssen ihn tot regulieren. Als der Bitcoin Anfang 2011 wieder unter die $1-Marke gefallen ist, hätte man ihm ja nach heutigem Maßstab dann auch gleich das Licht ausschalten müssen. Ich bin froh, dass das nicht geschehen ist. Die gesamte Geschichte, ja das Wesen des Bitcoins ist durch und durch libertär. Jetzt regulierungswütig zu werden, halte ich für verfehlt. Ich würde mich allerdings sehr wohl an einer Gesetzgebung beteiligen, die auf eine Entlastung staatlicher Einflussnahme abzielt.

Coin Kurier: Der Bitcoin ist de facto eine transnationale Währung. Ihre Partei setzt sich in vielerlei Fragen gegen einen ausufernden Internationalismus ein. Widerspricht der Bitcoin da nicht der Philosophie der AfD?

Peter Boehringer: Das ist ein Vorurteil, mit dem wir uns leider sehr oft konfrontiert sehen. Wir waren nie gegen Kapitalfreizügigkeit, sondern nur gegen die völlige Auflösung der deutschen beziehungsweise europäischen Außengrenzen. Man darf Migration und Finanzpolitik nicht vorschnell in einen Topf werfen. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Sie wissen vielleicht, dass die AfD immer offen war für alternative Währungen, wie etwa Gold. Gold war die erste internationale Währung. Schon im 19. Jahrhundert. Gold war qua Natur schon international. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts waren alle nationalen Währungen vom Gold gedeckt.

Coin Kurier: Ihr Buch „Holt unser Gold heim“ ist ein Appell an die Bundesregierung, unser Gold aus New York, London und Paris zurück zu holen. Sehen Sie Bitcoin als eine Art digitales Gold an?

Peter Boehringer: Das kann man durchaus so sagen. Man darf nicht vergessen, dass Gold an sich auch kaum einen Wert besitzt. Es ist unabhängig voneinander in verschiedenen Gemeinschaften als Geldmittel akzeptiert worden. Es hat sich aus physikalischen Gründen evolutorisch als bestes Transaktionsmittel herausgebildet. Und obwohl Gold nur einen geringen intrinsischen Wert besitzt, hat es einen Tauschwert und ist fungibel. Ob der Bitcoin wirklich den Platz des Goldes in der Digitalwelt einnehmen kann bleibt fragwürdig. Die Zeit wird es zeigen.

Coin Kurier: Kritiker des Goldstandards wie auch des Bitcoins wenden ein, dass eine gewisse Inflation einer nationalen Währung durchaus gewünscht sein sollte. Als Grund führen sie an, dass dadurch ein Anreiz geschaffen wird, Geld auszugeben anstatt es zu horten. Haben Sie Sympathien für diese Logik?

Peter Boehringer: Nein, weil das ein totalitärer Akt ist. Der Staat entwertet quasi unser Geld, damit wir mehr Geld ausgeben und ihm damit mehr Steuern abtreten können. Das widerspricht grundsätzlich meinen Überzeugungen. Der einfache Bürger hat sich seine Groschen hart erarbeitet und darf nicht gezwungen werden, dieses Geld sofort wieder in den Konsum zu pressen. Das ist nichts als eine kalte Enteignung der Bürger die sich ihr Kapital ehrlich erarbeitet haben.

Wie bewertest Du Herrn Boehringers Einschätzungen zum Bitcoin und der Blockchain? Schreib uns deine Gedanken dazu in die Kommentarspalte!

4 Kommentare

  1. Ein wirklich sehr interessantes Interview!

    Ich finde die Ansichten von Herrn Boehringer durchaus nachvollziehbar – wenn ich ihnen auch nicht überall zustimme. Denn einige libertäre Ansichten funktionieren meiner Meinung nach nur in der Theorie. Denn der Markt regelt sich leider nicht immer selbst oder produziert teilweise unnötigen „Kollateralschaden“, so dass eine gewisse Regulierung meiner Meinung nach nicht nur notwendig (z.B. Schutz vor Scam), sondern auch hilfreich (durch Aufklärung wächst das Vertrauen in eine neue Technologie) sein kann. Diese Regulierung sollte sich aber auf das absolute Minimum beschränken.

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