EOS – eine Analyse

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EOS ist zu einer der beliebtesten Blockchain-Plattformen avanciert | © Depositphotos
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Die Blockchain-Plattform EOS hat ihr Mainnet gestartet. Sie wird von ihren Befürwortern auch als Ethereum-Killer gepriesen. Denn das Versprechen auf eine Millionen Transaktionen pro Sekunde zu skalieren und dabei keinerlei Transaktionsgebühren zu verlangen, klingt fantastisch. Ist es womöglich tatsächlich nur eine Fantasie? Eine Analyse.

Die EOS Blockchain möchte eine dezentrale Plattform für den Bau von dezentralen Applikationen industriellen Ausmaßes werden. Besonders attraktiv, aber gleichzeitig auch besonders fragwürdig ist EOS’ Versprechen eine Millionen Transaktionen pro Sekunde prozessieren zu können – völlig gebührenfrei.

Vor Kurzem hat die Plattform ihren ICO abgeschlossen und – wenn auch mit Ach und Krach – ihre Mainnet gestartet. Hält die Plattform wirklich, was sie verspricht, oder verbirgt sich hinter den großen Tönen nur Schall und Rauch?

Der ewige ICO

Der wohl beliebteste Weg um Geld für die Entwicklung eines Coins oder Tokens einzusammeln ist ein ICO (Initial Coin Offering). Dabei sammeln Entwickler Geld in Form von Ethereum oder Bitcoin ein und garantieren ihren Gönnern dafür im Gegenzug eine gewisse Anzahl am jeweiligen Token, den sie selber zu entwickeln gedenken. Es handelt sich dabei also um eine Art Crowdfunding-Methode, zur Projektfinanzierung. EOS hat einen bisher einzigartigen ICO gestartet, der sich über ein ganzes Jahr erstreckt und am 1. Juni 2018 sein Ende fand. Dieses eigentümliche Finanzierungsmodell hat sich ausgezahlt. Insgesamt konnte ein Rekordbetrag von satten 4 Milliarden US-Dollar in Ether eingesammelt werden. Bizarr, wenn man sich vor Augen führt, dass EOS zur Zeit des ICOs noch kein Produkt vorzuweisen hatte.

EOS wurde von Block.one ausgebrütet. Einer Firma, die sich in einem Werbefilm selbst als Herausgeber von Open-Source-Software präsentiert. Ihr CEO Brendan Blumer und CTO Daniel Larimer führen das Unternehmen. Letzterer ist ein bekanntes Gesicht in der Blockchain-Sphäre. Er ist Mitgründer von BitShares, einem dezentralisierten Handelsplatz (DEX) und Steemit, einer dezentralisierten Blogging-Plattform. Larimer wird von einigen Steemians (Nutzer von Steemit) als schillernde Figur in der Entwicklung von Steemit angesehen. So wird ihm zum Beispiel vorgeworfen, das Mining der Steem-Tokens beim Start der Plattform zu seinen Gunsten manipuliert zu haben.

dApp-Plattform

Die EOS-Blockchain soll als Plattform für Smart Contracts dienen. Ein Smart Contract unterscheidet sich nicht großartig von herkömmlichen Verträgen. Im Gegensatz zu diesen werden jene allerdings nicht von Dritten, wie z.B. Anwälten, vollzogen. Sie sind nur dem Gesetz unterworfen, nach welchem sie programmiert wurden. Eine Treuhand, welcher vertraut werden muss, fällt weg. Auf Grundlage komplexer Smart Contracts können Entwickler dann sogenannte dezentrale Applikationen bauen.

Im Gegensatz zu Ethereum, sollen anstatt 15 bis zu einer Millionen Transaktionen pro Sekunde möglich gemacht werden. Außerdem sollen Transaktionsgebühren vollständig wegfallen. Denn jeder Smart Contract, der auf Ethereum basiert, kann nur vollzogen werden, wenn dafür eine kleine Menge GAS (Ether) an zuständige Miner gezahlt wird. Durch EOS‘ Skalierbarkeit, will die Plattform sich zu einem Betriebssystem für Blockchain-Applikationen mausern.

EOS Lösungsansätze

Block.ones Angriffsstelle ist der Konsens-Mechanismus. Während Ethereum-Transaktionen durch das PoW (Proof-of-Work)-Verfahren bestätigt werden, hat sich Larimer einen neuen Mechanismus erdacht: DPoS, oder Delegated Proof-of-Stake. So wie auch beim Proof-of-Stake-Verfahren, werden Transaktionen nicht von Minern bestätigt, sondern von Stakern. Wer seine Coins in einer Staking-Wallet hält, bestätigt Geldbewegungen automatisch und erhält dafür im Gegenzug Gebühren.

Beim DPoS-Mechanismus können die Hodler die Validierung von Blocks an ein paar wenige und mit optimisierter Hardware arbeitende Leute auslagern. Diese werden regelmäßig demokratisch gewählt. Stimmen werden dabei proportional nach der Anzahl an Coins verteilt. Dadurch müssen deutlich weniger Nodes die Transaktionen prozessieren und mehr Geldbewegungen sind in geringerer Zeit möglich.

Diese Validatoren werden bei EOS auch Block Propagators (BP) genannt. Sie sind nur 21 an der Zahl und haben alleinig die Macht über das Netzwerk.

Kritik 

Kaum ein Coin hat im Laufe des letzten Jahres mehr Kritik einstecken müssen als EOS. Zu Recht? Sehr viele Skeptiker glauben ja. Denn ohne auch nur ein Zeile Code vorgelegt zu haben, hat der von Block.one ausgebrütete Coin Milliarden von Dollar in Ether eingesammelt. Aber die Crowdfunding-Methode ist mitnichten der einzige Kritikpunkt.

Zuallererst besitzen nur 10 Adressen 50% der gesamten Anzahl an aktuell zirkulierenden Tokens. Ob es sich dabei um Privat- oder Geschäftskonten handelt, ist nicht bekannt. Allerdings sollte dieses Maß an Zentralisierung dennoch stark zu bedenken geben. Vor allem vor dem Hintergrund, dass es durchaus denkbar ist, dass mehrere der Adressen von der gleichen Person oder dem gleichen Personenkreis gehalten werden, was den Grad an Zentralisierung nur noch erhöhen würde.

Außerdem bestehen ernsthafte Zweifel an der Dezentralität des EOS-Modells. Ist es angemessen von Dezentralität zu sprechen, wenn nur 21 BPs existieren? Zur Zeit wird ein BP mit etwa 2,5 Millionen US-Dollar pro Jahr für seine Arbeit belohnt. Also mehr als genug Geld, um BPs einen Anreiz zu liefern, ihre Position zu behalten. Nichts hindert sie daran Wähler für ihre Loyalität zu bezahlen. Auch wäre vorstellbar, dass sich mehrere BPs ähnlich wie bei Lisk zusammenschließen und eine Allianz bilden, die sich gegenseitig unterstützt. Eine Monopolstellung eines Zusammenschlusses von BPs wäre also recht schnell erreicht.

Das Resultat wäre eine starke Zentralisierung, womit auch die Zensur von unliebsamen Netzwerkteilnehmern ermöglicht würde. Wer einwendet, dass die Wähler diese dann in Folge dafür ohnehin abstrafen und nicht wieder wählen würden, irrt. Denn eine Zensur muss nicht öffentlich heraus posaunt werden, sondern kann subtiler geschehen, z.B. indem die Regeln des Netzwerks so ändert, dass es manchen auf der Plattform operierenden Unternehmen erschwert wird, ihre dApps zu bauen.

Man könnte zwar darauf hoffen, dass sich die Block Propagators anständig verhalten, allerdings ist dann wieder nur ein Zensur-resistentes Netzwerk gewährleistet, wenn den Köpfen des Monopols der Sinn danach steht. Dadürch würde kaum noch ein Unterschied zu einer herkömmlichen zentral agierenden Datenbank bestehen und die Blockchain – wie von Satoshi Nakamoto erdacht – wäre ad absurdum geführt.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die angeblich nicht vorhandene Transaktionsgebühr. Das EOS-Team prahlt zwar gerne damit, kostenlose Transaktionen zu ermöglichen, allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich gibt es zwar keine Miner, dafür werden aber Block Propagators mit Tokens bezahlt, die eine gewollte Inflation von jährlich 5% ausmachen. Es fallen zwar keine direkten Gebühren an, stattdessen aber werden die sich im Umlauf befindlichen Tokens durch die inflationäre Wirkung übers Hintertürchen entwertet.

Schlussfolgerung

EOS mag eine sehr interessante Datenbank sein. Mit einer DLT (Distributed Ledger Technology) hat es aber wenig zu tun. Das DPoS führt unwillkürlich früher oder später zu einer Zentralisierung des Netzwerks. Hier wird Dezentralisierung auf dem Altar der Skalierbarkeit geopfert.

Hältst du EOS für solide, oder stimmst du der in der Schlussfolgerung geäußerten Kritik zu? Schreib uns deine Gedanken dazu in die Kommentarspalte!

1 Kommentar

  1. Guter Artikel, einfach und klar geschrieben. Ich stimme der Schlussfolgerung im Artikel voll zu und er ist für mich als Laie sehr gut verständlich, wodurch ich wieder etwas lernen konnte. Die Zentralisierung und das Halten vieler Coins von wenigen Personen oder gar nur einer, hat mich an Ripple erinnert.

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